BAföG reicht hinten und vorne nicht: Wie viel Studium wirklich kostet

Ein Student in Hamburg führt ein Jahr lang jeden Cent Buch: Miete, Semesterticket, Lebensmittel und warum BAföG die Realität von 2026 nicht abbildet.

6 Min. Lesezeit
1500 Wörter
1.4.2026
Ich studiere Sozialpädagogik in Hamburg. Fachsemester vier. BAföG bekomme ich, den vollen Satz: 992 Euro im Monat. Das klingt erst mal gut. Meine Mutter hat gesagt: "Das reicht doch, wenn du sparsam lebst." Meine Mutter hat das letzte Mal in den 90ern studiert. Hier ist, was wirklich übrig bleibt, wenn ich die Miete bezahlt habe: 312 Euro für alles. Essen, Handy, Versicherungen, Bücher, Semesterticket-Zuschuss, Hygiene, Kleidung. Alles. 312 Euro. Für einen Monat in Hamburg. Ich heiße Felix, bin 23, und ich führe seit Oktober ein Haushaltsbuch. Jeden Cent. Weil ich wissen wollte, wo das Geld bleibt. Und weil ich beweisen wollte, was ich schon lange vermute: BAföG reicht nicht. Nicht annähernd. Was mich am meisten wütend macht? Die Politik diskutiert über BAföG-Erhöhungen von 20 oder 30 Euro. Als würde das irgendwas ändern. Als würde eine Tafel Schokolade im Monat das Problem lösen.

Anwendung

Die echte Kostenrechnung: Ein Semester in Hamburg Miete: 580 Euro für ein 18-Quadratmeter-Zimmer in Altona. WG. Mit drei Leuten. Das ist kein Luxus. Das ist der untere Durchschnitt in Hamburg. Ein eigenes Apartment? 800 bis 1.100 Euro. Vergiss es. Nebenkosten: 85 Euro (Strom, Internet, GEZ). Ja, GEZ. 18,36 Euro pro Monat für einen Service, den ich nie nutze, weil ich alles über Streaming schaue. Aber die Gebühr ist Pflicht. Da führt kein Weg dran vorbei. Semesterticket: Das HVV-Semesterticket kostet mittlerweile 33 Euro pro Monat als Semesterticket-Zuschlag. Früher war es im Semesterbeitrag enthalten. Jetzt zahlen wir extra. Der Semesterbeitrag selbst liegt bei 340 Euro pro Semester, also rund 57 Euro pro Monat. Handyvertrag: 25 Euro. Ein normaler Tarif mit Datenflatrate. Nichts Besonderes. Haftpflichtversicherung: 12 Euro pro Monat. Jeder Student braucht eine. Ohne Haftpflichtversicherung ist man in Deutschland verloren. Ein kaputter Laptop im Hörsaal, ein verkratztes Auto beim Parken, und du zahlst Tausende. Essen: 280 Euro. Ich koche fast jeden Tag. Linsen, Reis, Gemüse, günstige Aldi-Einkäufe. Essen gehen? Einmal im Monat, wenn überhaupt. Döner für 7 Euro ist mein Luxus. Bücher und Skripte: 40 Euro im Durchschnitt. Manche Semester mehr, manche weniger. Gebraucht kaufen, in der Bibliothek leihen, PDFs teilen. Trotzdem bleibt ein Rest. Hygiene und Körperpflege: 35 Euro. Duschgel, Zahnpasta, Deo, Friseur alle drei Monate. Kleidung: 30 Euro im Durchschnitt. Ich kaufe bei C&A und im Second-Hand-Laden. Nichts Markenmäßiges. Die Gesamtsumme: 992 Euro BAföG minus 580 Euro Miete minus 85 Euro Nebenkosten minus 57 Euro Semesterbeitrag minus 33 Euro Semesticket minus 25 Euro Handy minus 12 Euro Versicherung = 200 Euro. 200 Euro für Essen, Bücher, Hygiene und Kleidung. Das sind 6,67 Euro pro Tag. In Hamburg. Die Realität: Ich brauche mindestens 280 Euro für Essen allein. Plus 40 Euro für Bücher. Plus 35 Euro für Hygiene. Plus 30 Euro für Kleidung. Plus Puffer für Arztbesuche (Zuzahlung 10 Euro pro Quartal), Reparaturen, oder unerwartete Ausgaben. Die echte Lücke: 380 Euro pro Monat. 4.560 Euro im Jahr. Wie ich die Lücke schließe Minijob: 538 Euro im Monat darf ich dazuverdienen, ohne dass das BAföG gekürzt wird. Ich arbeite samstags in einem Buchladen. 450 Euro netto im Monat. Davon gehen nochmal Steuern und Sozialabgaben weg, aber als Minijob bleibt ein guter Teil. Das Problem: Jedes Wochenende arbeitet ich. Keine Zeit für Praktika, keine Zeit für Engagements, keine Zeit fürs Netzwerken. Studierende aus wohlhabenderen Familien können Praktika bei NGOs machen, sich ehrenamtlich engagieren, Netzwerke aufbauen. Ich verkaufe Bücher am Samstag. Eltern: Meine Mutter überweist mir 150 Euro im Monat, wenn sie kann. Manchmal kann sie nicht. Dann überstehe ich den Monat mit Nudeln und Ketchup. Echte Rechnung mit dem Budgetrechner Ich habe alle Zahlen in den Budgetrechner eingegeben. Einnahmen: 992 Euro BAföG, 450 Euro Minijob, 150 Euro Eltern = 1.592 Euro. Ausgaben: 1.212 Euro fix plus 385 Euro variabel = 1.597 Euro. Minus 5 Euro. Jeden Monat. Einer von fünf Monaten endet im Minus. Dann geht die Kreditkarte ran. Ich kenne keinen einzigen Kommilitonen, der nur von BAföG lebt. Jeder hat einen Nebenjob. Jeder bekommt Geld von den Eltern. Oder beide. BAföG allein reicht in keiner deutschen Großstadt. Nicht in Hamburg, nicht in München, nicht in Berlin. Vielleicht in Greifswald oder Jena. Aber nicht dort, wo die meisten Studierenden leben.

Profi-Tipps

Führ ein Haushaltsbuch. Ernsthaft. Ich weiß, es klingt nervig. Aber erst wenn ich jeden Cent aufgeschrieben habe, habe ich verstanden, wo das Geld bleibt. Nutze einen einfachen Budgetrechner oder eine App. Hauptsache, du siehst die Zahlen. Prüfe, ob du BAföG bekommst. Viele wissen gar nicht, dass sie Anspruch haben. Das BAföG-Amt prüft das Einkommen der Eltern, aber die Freibeträge sind großzügiger als viele denken. Auch wer Teil-BAföG bekommt, hat mehr als ohne. Nutze Studentenrabatte. ISIC-Karte, Studentenzeitung, Microsoft Office kostenlos, Spotify für 5,99 Euro statt 10,99 Euro, Museumseintritte ermäßigt. Das sind Kleinigkeiten, aber sie summieren sich. Allein Spotify spart 60 Euro im Jahr. Kauf keine neuen Bücher. Gebraucht bei Amazon Marketplace, über die Fachschaft, oder bei Medimops. Oder teilt euch Bücher in der Lerngruppe. Ich habe dieses Semester 120 Euro statt 280 Euro für Literatur ausgegeben. Such dir einen Minijob, der zu deinem Studium passt. Buchladen, Nachhilfe, Werkstudent. Nicht Kellnern um Mitternacht. Dein Studium ist wichtiger als 10 Euro die Stunde. Und Werkstudentenjobs zahlen oft 15 bis 18 Euro und geben dir Berufserfahrung.

Häufige Fehler

Der größte Fehler: BAföG nicht beantragen, weil man denkt, man bekommt eh nichts. Jedes Jahr lassen Studierende hunderttausende Euro liegen, weil sie den Antrag nicht stellen. Der Antrag ist kostenlos. Schick ihn ein. Worst case: Du bekommst nichts. Best case: 992 Euro im Monat. Der zweite Fehler: Den Minijob über dem BAföG-Freibetrag. Wenn du mehr als 538 Euro im Monat dazuverdienst, wird das BAföG gekürzt. Jeder Euro darüber kostet dich das Doppelte: Du verdienst einen Euro mehr und verlierst einen Euro BAföG. Nullsummenspiel. Der dritte Fehler: Zu teure Miete akzeptieren. Ich habe WG-Zimmer in Hamburg gesehen für 700 Euro. 18 Quadratmeter. Ohne Möbel. Das ist Wahnsinn. Such länger. Frag in der Fachschaft. Schau auf WG-Gesucht.de. Es gibt günstigere Optionen, du musst nur früher suchen. Der vierte Fehler: Keine Rücklagen bilden. Wenn das BAföG mal spät kommt und du keine Rücklagen hast, stehst du dumm da. Ich hatte im dritten Semester zwei Monate kein BAföG, weil ein Formular fehlte. 2.000 Euro Einnahme weg. Ohne Rücklagen wäre die Miete gefallen. Der fünfte Fehler: Studium als billig propagieren. In den 80ern kostete das Studium fast nichts. Heute ist es ein Vollzeitjob mit Vollzeitkosten. Wer das nicht anerkennt, kann sich nicht richtig vorbereiten.

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