Kirchensteuer und Soli: 280 Euro im Jahr, die ich nie wiedersehe
Ein katholischer Arbeitnehmer rechnet vor, was ihn die Kirchensteuer und der Solidaritätszuschlag wirklich kosten und warum er ausgetreten ist.
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1300 Wörter
1.4.2026
Auf meiner Gehaltsabrechnung steht jeden Monat eine Zeile, die mich nervt: "Kirchensteuer: 32,40 Euro." Und eine andere: "Solidaritätszuschlag: 18,90 Euro." Zusammen 51,30 Euro im Monat. Im Jahr: 615,60 Euro. Sechshundertfünfzehn Euro und sechzig Cent. Das ist ein Monat Miete. Ein Urlaub. Ein neuer Laptop. Stattdessen zahle ich sie an den Staat und an die Kirche, ohne genau zu wissen, wofür.
Ich bin 31, katholisch getauft, lebte in Nordrhein-Westfalen, und bis vor zwei Jahren habe ich die Kirchensteuer einfach hingenommen. "Das macht man halt." "Das gehört dazu." "Die Kirche macht auch Gutes." Dann habe ich angefangen zu rechnen.
Seit meiner ersten Gehaltsabrechnung mit 22 habe ich insgesamt 3.670 Euro Kirchensteuer gezahlt. Neun Jahre lang. Drei tausend sechshundert siebzig Euro. Und ich war vielleicht fünfmal in der Kirche (drei Hochzeiten, eine Taufe, ein Weihnachten). Das sind 734 Euro pro Kirchgang. Teuerster Eintritt der Welt.
Anwendung
Wie die Kirchensteuer berechnet wird
Die Kirchensteuer ist ein Zuschlag zur Einkommensteuer. In NRW (wo ich lebe) sind es 9% der Einkommensteuer. In Bayern und Baden-Württemberg sind es 8%. Ja, die Kirchensteuer ist je nach Bundesland unterschiedlich, obwohl es dieselbe Kirche ist.
Beispiel mit meinem Gehalt:
Bruttogehalt: 4.200 Euro
Lohnsteuer (Steuerklasse 1): ca. 540 Euro
Kirchensteuer (9% von 540): 48,60 Euro
Im Jahr: 583 Euro. In 10 Jahren: 5.830 Euro. In 40 Arbeitsjahren: 23.320 Euro. Dreiundzwanzigtausend Euro an die Kirche, nur weil ich als Baby getauft wurde ohne mich zu fragen.
Der Solidaritätszuschlag ("Soli")
Der Soli wurde 1991 eingeführt, um den Aufbau Ostdeutschlands zu finanzieren. Er beträgt 5,5% der Einkommensteuer. Seit 2021 zahlen nur noch ca. 10% der Steuerzahler Soli (die mit höheren Einkommen). Aber ich gehöre dazu.
Mein Soli-Betrag: ca. 30 Euro im Monat. Im Jahr: 360 Euro. Das sind 360 Euro für einen Solidaritätszuschlag, der offiziell "abgeschafft" wurde, aber für viele Arbeitnehmer weiterhin abgezogen wird.
Ich habe die Zahlen in unseren Gehaltsrechner eingegeben und verglichen:
Ohne Kirchensteuer und Soli: Netto 2.950 Euro
Mit Kirchensteuer und Soli: Netto 2.860 Euro
Differenz: 90 Euro/Monat = 1.080 Euro/Jahr
Tausendachtzig Euro im Jahr. Für Abgaben, die ich nicht freiwillig gewählt habe. Die Kirchensteuer wird automatisch abgezogen, sobald du in einer Kirche bist. Du musst aktiv austreten, um sie zu stoppen. Und der Soli wird abgezogen, weil mein Einkommen über der Grenze liegt.
Der Kirchenaustritt
Ich bin 2024 ausgetreten. Das war einfach: Bürgeramt, Formular ausfüllen, 30 Euro Gebühr, fertig. Ab dem folgenden Monat keine Kirchensteuer mehr. Meine Mutter war entsetzt. Mein Vater hat gesagt: "Hättest du früher tun sollen."
Seit meinem Austritt spare ich 48,60 Euro im Monat. Das sind 583 Euro im Jahr. Die ich in einen ETF-Sparplan stecke. Nach 30 Jahren bei 7% Rendite: ca. 59.000 Euro. Die Kirche hat 59.000 Euro von meiner Altersvorsorge gekostet, weil ich zu lange gezögert habe.
Profi-Tipps
Nutze unseren Gehaltsrechner, um zu sehen, wie viel Kirchensteuer und Soli du tatsächlich zahlst. Gib dein Bruttogehalt ein und vergleiche mit und ohne Kirchensteuer. Der Unterschied ist oft überraschend.
Überlege, ob du die Kirchensteuer zahlen möchtest. Wenn du regelmäßig in die Kirche gehst und die Arbeit der Kirche unterstützt, ist es fair. Wenn du wie ich seit Jahren nicht in der Kirche warst, ist der Austritt eine finanzielle Entscheidung mit vierstelligen Jahresfolgen.
Der Austritt ist einfach und kostengünstig (30 Euro einmalig). Du musst zum Bürgeramt oder Amtsgericht (je nach Bundesland). Die Ersparnis startet ab dem folgenden Monat. In Bayern kannst du den Austritt auch online machen.
Den Soli kannst du nicht vermeiden, wenn dein Einkommen über der Grenze liegt. Aber du kannst deinen Gehaltsrechner nutzen, um zu verstehen, wie viel du zahlst und wie sich dein Netto verändern würde, wenn die Grenze angepasst wird.
Häufige Fehler
Die Kirchensteuer als "kleinen Betrag" abtun. 48 Euro im Monat klingen wenig. Aber 48 Euro über 40 Jahre sind 23.000 Euro. Und wenn du die 48 Euro stattdessen in einen ETF steckst, wachsen sie zu 59.000 Euro. "Kleine Beträge" sind es nur, wenn man sie nicht hochrechnet.
Den Austritt als "großen Schritt" sehen. Es ist ein Formular. Kein Gerichtsverfahren. Kein Gespräch mit dem Pfarrer. Du gehst zum Amt, zahlst 30 Euro, und es ist erledigt. Die Kirche schickt dir vielleicht einen Brief. Den kannst du ignorieren.
Glauben, der Soli sei abgeschafft. Er wurde reduziert, nicht abgeschafft. Etwa 10% der Steuerzahler zahlen weiterhin. Wenn du über ca. 73.000 Euro (Ledig) oder 145.000 Euro (zusammenveranlagt) verdienst, zahlst du weiterhin Soli. Check deine Gehaltsabrechnung.